Taschen-Review: Think Tank Speed Freak vs. Lowepro Inverse 200

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„Sie möchten eine perfekte Fototasche? Einen Moment, die hole ich mal eben aus dem Keller.“ Das ist bei Foto Gregor in Köln die kölsche Annäherung an: Die perfekte Tasche gibt es nicht. Für alle Suchenden und Unschlüssigen sei daher ein kleiner Erfahrungsbericht ans Herz gelegt. Aber Achtung: Schwerer Foto-Nerd-Alarm!

Am Anfang steht eine zentrale Frage: Welches Equipment möchte ich wohin und wie lange schleppen? Ich lief lange Zeit mit einer Crumpler Schultertasche herum, die vor allem sehr schick war und meine damalige Ausrüstung fast vollständig schluckte. Eine schicke Schultertasche sieht gut aus und ist praktisch bei Hochzeiten, weil man schnell an Wechselobjektive kommst und sie insgesamt gut mit einem Anzug harmoniert. Aber wie oft fotografiere ich bei Hochzeiten? Solche Anlässe sind doch recht selten, wenn man nicht gerade damit sein Geld verdient. Dafür sorgt das Gewicht des Equipments sehr schnell für Verspannungen im Rücken, weil es den ganzen Tag an einer Schulter zieht.

Mit diesem Dilemma konfrontiert, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Tasche. Sie sollte in der Lage sein, eine

  • Nikon D700
  • mit angesetztem 17-35/2,8 Weitwinkelzoom
  • ein 70-300er Telezoom sowie
  • ein bis zwei weitere Objektive
  • ein Gorillapod und
  • einen Blitz

aufzunehmen. Außerdem regelmäßig im Gepäck:

  • Etui für die Sonnenbrille
  • Brillenputztücher
  • Sonnencreme
  • Getränk
  • Portemonnaie
  • Notizbuch
  • Stift
  • Reiseführer
  • Taschentücher
  • Mobiltelefon

Viele Fotografen vergessen diese alltäglichen Kleinigkeiten bei der Suche – viele Fototaschen ebenfalls.

Das ganze Zeug soll auch über längere Zeit bequem zu tragen sein. Ohne Rückenschmerzen und steifem Nacken. Ein Rucksack mit Hüftgurt bietet hier die ideale Lösung, wenn da nicht die Sache mit dem schnellen Zugriff aufs Equipment wäre – auch unter erschwerten Bedingungen. Solche erschwerten Bedingungen schafft in meinem Fall mein Sohn, der liebend gerne auf meinen Schultern sitzt: Kamera im Rucksack, Rucksack auf dem Rücken, Kind auf den Schultergurten – Motiv und Szene weg.

Ein Rucksack scheidet also aus. Richtig praktisch erscheinen in diesem Fall die modularen Systeme von Think Tank Photo, Lowepro oder Kinesis, bei denen das gesamte Equipment in einzelnen Taschen griffbereit an Brust- und Hüftgurten eingehängt wird. Aber: Was für den Sportfotografen im Fußballstadion sehr praktisch sein muss, wirkt am Familienvater im Sommerurlaub leider ziemlich albern.

„The more you carry, the stupider you look and the less you shoot,“ schreibt Ken Rockwell zu recht.

Und so landete ich dann bei den Hüfttaschen. Sie funktionieren nach dem ähnlichen Prinzip wie der Hüftgurt vom Rucksack oder die modularen, professionellen Systeme, bestehen jedoch in der Regel aus einer Tasche mit einem fest angesetzten Gurt und einem zusätzlichen Schultergurt. Fünf Taschen zog ich für die nähere Betrachtung in die engere Wahl:

Der Vergleich dieser Modelle mag ein wenig hinken, da die jeweilige Größe von der Kata bis zur Speed Racer deutlich steigt. Mit anderen Worten: Die Off Trail oder die Kata passen jeweils locker in die Speed Racer hinein. Alle drei sind aufgrund Ihrer Größe ziemlich schnell ausgeschieden. Kata und Off Trail waren zu klein und trugen sich vollbepackt nur wenig komfortabel. Die integrierten Hüftgurte waren in beiden Fällen viel zu fipselig, was bei voll beladener Tasche an Hüfte und Bauch unangenehm drückte. Ganz anders bei der Think Tank: Das Ding trug sich komplett vollgestopft noch immer überraschend bequem. Auch die Verarbeitungsqualität beeindruckte im Vergleich zu den deutlich günstigeren Artverwandten. Aber ihre Größe übertraf meine Anforderungen deutlich und sah am Freizeitfotografen etwas oversized aus. Immerhin passt da eine Canon D1 oder Nikon D3 mit angesetztem 70-200/2,8 stehend rein. Merken: The more you carry, the stupider you look.

Im Finale begegneten sich dann die kleine Schwester der Speed Racer, die Speed Freak, und die Lowepro Inverse 200 AW. Think Tank Photo überzeugt erneut durch die bessere Verarbeitungsqualität und durchdachtere Details. Die Fronttasche ist sinnvoll unterteilt für den ganzen Klöterkram (siehe oben), und der Hüftgurt sorgt für beste Gewichtsverteilung über dem Hintern und lässt sich außerdem verstecken, woduch sich die Freak auch für den „Schick“-Modus eignet. An den Schultergurt lassen sich weitere einzelne Taschen anhängen. Der Schultergurt dient lediglich zur Stabilisierung und läuft zum einfachen Wechsel der Tasche vom Rücken vor den Bau durch eine gummierte, abnehmbare Manschette.

Die Inverse ist schlanker geschnitten als die Speed Freak und bekommt dadurch einen höheren Schick-Faktor. Erkauft wird das durch ein geringeres Platzangebot und durch ein spartanisches Innenleben der Fronttasche. Sie trägt sich ebenfalls sehr bequem, auch wenn der Hüftgurt nicht den gleichen Komfort bietet wie bei der Freak. Bei den Innenpolsterungen gibt es grundsätzliche konzeptionelle Unterschiede. Lowepro stattet seine Taschen mit sehr umfangreichen Polstern aus, die einem ein sehr gutes Gefühl des Schutzes vermitteln. Think Tank Photo lässt bei der Konzeption seiner Taschen nach einigen Angaben Profifotografen mitarbeiten, die es offenbar etwas flexibler mögen. Die Schaumstoffteile fallen dünner und leichter aus und sind äußerst anpassungsfähig. Ich stelle die Think Tank deshalb intuitiv etwas vorsichtiger ab, als ich das mit der monströs gepolsterten Crumpler üblicherweise tat. Da ich meine Ausrüstung durchaus auch mal in einem normalen Rucksack mit umwickelten Küchenhandtüchern schütze, kann ich mit dem Think-Tank-Konzept gut leben und freue mich über das angenehme Tragegefühl.

Letztendlich sorgten die durchdachten Details, sehr gute Verabeitung und das kleine, aber entscheidende Mehr an Platz für eine Entscheidung zugunsten der Speed Freak. Feine Tasche. Punkt. Und Zeit für die nächste: Dieses Jahr stehen einige ausgedehnte Vater-Kind-Tagestouren mit Proviant an. Wird wohl doch Zeit für einen Rucksack…

Bestellt habe ich die übrigens beim sehr empfehlenswerten Isarfoto Bothe. Nachdem im letzten Jahr die Schiebetür meines Busses einen Schnappverschluss der Speed Freak zerstörte, bekam ich aus Bayern sehr schnell und äußerst günstig Ersatz – top Service.

Andere Reviews zu den Think Tank Taschen:

  • The Gadgeteer über Think Tank Speed Freak:
    „Pros: Media card holder included, Inside can be customized with Velcro dividers
    Cons: Looks too obviously like a camera bag for some situations, Waist straps get in the way when using the bag on shoulder.“
  • Ken Rockwell über die kleinere Think Tank Speed Demon:
    „I love this bag. We all have our favorites, which is why there are more kinds of bags than cameras. Forget backpacks. Get a bag like this and you ought to be fine, unless you want to carry something as big as a D3 or a 70-200mm f/2.8 zoom.“

Meine Taschenfotos und sind auch zu finden unter www.taschenfreak.de – nomen est omen.

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