Ein Jahr mit einer spiegellosen Fuji im Gepäck – ein Erfahrungsbericht

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“Hast Du einen Tipp für mich, welche Kamera ich mir kaufen soll?” gehört zu den Fragen, die mir immer wieder mal gestellt werden. Ist ja auch naheliegend, sich Rat von jemandem zu holen, der fast immer irgendeine Kamera dabei hat. Mancher ist dann überrascht, dass mich die Frage nach der “richtigen” Kamera selbst immer wieder beschäftigt. Dieser Beitrag erzählt von meinem Einstieg in die Welt der spiegellosen Systemkameras mit der Fujifilm X-E1.

Bitte erwartet hier keinen technischen Review. Detaillierte technische Analysen zu Schärfe, Bildrauschen usw. können andere viel besser, z. B. die Leute von Digital Photography Review. Dieser Erfahrungsbericht gibt eher meine subjektiven Eindrücke wieder und helfen Dir vielleicht bei einer Entscheidungsfindung.

Als ich vor einigen Jahren meinen ganzen Fotokrempel auf digital umstellte, wollte ich qualitativ keine Kompromisse eingehen und unbedingt die Zuverlässigkeit, das Handling und die Qualität meiner Nikon F3 HP wiederfinden, mit der ich 20 Jahre lang fotografiert hatte. Damit landete ich irgendwann bei der Nikon D700. Das war für mich die erste Nikon, die diesem Anspruch gerecht wurde und trotzdem noch einigermaßen bezahlbar war. Vollformat. Logisch. Und natürlich mussten 2,8er Zooms an den Start. Alles toll soweit.

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Schwer zu schleppen: Teilnehmer einer Fotosafari in Istanbul.

Mit der Gewissheit, dass meinen Fotos zumindest keine technischen Restriktionen im Weg standen, wuchtete ich das Equipment von A nach B und wieder zurück. Und weil das mit der Zeit ganz schön schwer wurde, legte ich mir alle möglichen Varianten von Fototaschen zu – in der Hoffnung, das Gewicht dadurch irgendwie zu kompensieren. Ich besitze mittlerweile mehr Taschen als die gesamte restliche Familie. Die dicke Spiegelreflex wurde dadurch leider nicht leichter und blieb immer häufiger zuhause. Für “immer dabei” legte ich mir eine leichte Kompaktkamera zu. Die Canon Powershot G10 war ein Kompromiss, was Handling und Bildqualität anging. Aber dafür war sie immer da, wenn sich ein Motiv auftat. Und das zählte letztlich.

Der technische Aufwand hinter einem Foto interessiert die Betrachter meiner Fotos eher gar nicht. So sind dann unter den Fotos, die meinen Familien- und Freundeskreis am meisten beglücken oder die von Dritten geliked, kommentiert oder sogar gekauft werden, überraschend viele aus der G10 (z. B. das Foto vom sizilianischen Bauernhof) oder gar aus meinem Smartphone. Da schau an.

So viel steht erst einmal fest:

  1. Gewicht ist ein Motivationskiller fürs Fotografieren, weil Du Deine Kamera lieber gar nicht erst mitnimmst.
  2. Spontanität und dicke Kamera passen oft nicht zusammen. Gute Fotos entstehen mitten im Leben – und oft, wenn wir es nicht erwarten. Dein Motiv kümmert es wenig, welche Kamera Du dabei hast, denn es ist in 10 Sekunden vielleicht schon wieder weg. Und wenn Du ein dickes 2,8er Telezoom draufhältst, wahrscheinlich auch schon schneller.

Nun fotografiere ich ja viel auf Reisen. Insbesondere auf Städtereisen bei Temperaturen von 25 bis 30 Grad schlagen Gewicht und Kameragröße voll durch. Hinzu kommt, dass Du Dich mit einer fetten Spiegelreflex unter Menschen schnell ähnlich unpassend angezogen fühlst, wie in Abendgarderobe unter Hafenarbeitern. Apropos Abendgarderobe: Ich erwischte mich dabei, Leica-Kameras in die Hand zu nehmen und mir die Preise schön zu reden. Bei 6.200 Euro für ein Kameragehäuse ohne Objektiv muss man beim Schönreden aber verdammt kreativ werden.

Als dann 2013 ein Trip nach Istanbul anstand, inklusive Nachtleben, Basar und ewig langen Fußmärschen durch die Stadt, kamen diese spiegellosen Kameras um die Ecke. Mit feinen Sensoren. Und mit Wechselobjektiven. Eigenschaften einer digitalen Spiegelreflex im Format einer Kompaktkamera.

Egyptian Bazaar

People walking through the Egyptian Bazaar, also known as Spice Market, in Istanbul.

Ich hatte alle relevanten Hersteller dieses Kameratypen in der Hand: Olympus, Sony und Fuji. Ach ja – und Leica. Olympus verzeihe ich bis heute nicht, dass meine OM-2 in den 80ern des letzten Jahrhunderts auf einem Fußballplatz im Schneeschauer vorübergehend den Geist aufgab. Bei sowas kann ich sehr nachtragend sein. Aber die aktuelle OM-D ist schon toll. Sony ist technologisch gesehen auch ganz vorne dabei, aber leider mit einem Bedienkonzept gestraft, das nicht für mich geschaffen ist. Das geht mir übrigens bei fast allen Sony-Produkten so, z. B. auch bei meinem Fernseher.

Und dann ist da Fuji. Das Design der Kameras kann man Retro nennen. Man kann aber auch einfach zugeben, dass die manuellen Einstellräder der analogen Kameras verdammt praktisch und schnell waren – und immer noch sind. Kein superkomplexes Menü, sondern Mechanik für die wesentlichen Gestaltungsmittel Verschlusszeit und Blende (und bei der neuen X-T1 jetzt auch für ISO). Mal ehrlich: Wer nutzt wirklich die ganzen Optionen der DSLR-Menüs? Und wenn Ihr Sie nutzt: Wie oft habt Ihr vergessen, welche Einstellungen Ihr wo gemacht habt?

Tab Stand

Stand on Istanbul street market for bathroom equipment.

Es hat jedenfalls nicht sehr lange gedauert, bis ich mich für die X-E1 entschieden hatte. Dazu noch die 14, 18 und 35mm Festbrennweiten, und los ging’s nach Istanbul. Erstes Empfinden: Was für ein Genuss, mit einer kleinen, leichten Fototasche unterwegs zu sein! Die meiste Zeit behielt ich die Kamera einfach in der Hand. Bei meinen großen Händen fällt sie in der Menge gar nicht auf und ist sofort da, wenn ich sie brauche. Und ich konnte plötzlich Fotos machen, wie ich sie mit der D700 nie hinbekommen habe.

Kurz: Der Spaß am Fotografieren war zurück.

Spaß hatte ich auch bei der Begutachtung der Bilder am Computer. Schärfe, Detailreichtum und Rauschverhalten lagen gleichauf mit den Ergebnissen der D700 und ihrem 12 Megapixel Vollformatsensor – oder waren sogar besser. Alles in allem also ein voller Erfolg.

Die Kamera blieb, bekam noch das 55-200er Telezoom dazu und ging mit auf die große Sommerreise durch Frankreich. Die D700 hatte ich zu keiner Zeit vermisst. Auch wenn sich der Einstieg in die Welt der spiegellosen Systemkameras also bewährt hat, gibt es bei der X-E1 ein paar Kritikpunkte.

  • Autofokus im Vergleich zur DSLR ziemlich langsam und manchmal nicht ganz nachvollziehbar, wie er arbeitet. Das macht die Kamera für Sportfotografie ungeeignet. Hab es probiert. Geht nicht.
  • Das Einstellrad zur Belichtungskorrektur dreht sich zu leicht. Der Daumen oder allein nur das Rausziehen aus der Tasche dreht schon mal am Rad, auch wenn man das gar nicht wünscht
  • Ohne Objektiv liegt der Sensor offen. Das führt bei häufigem Objektivwechsel zu mehr Staubproblemen als bei meiner DSLR. Dafür lässt sich der Staub aber auch einfacher wieder entfernen.
  • Die Plastik-Sonnenblenden des 14mm Objektivs und des 55-200mm Telezooms lassen sich nur schwer aufsetzen. Dann sitzen sie zwar bombig, aber vorher hast Du sie mehrfach verkantet.
  • Die Schutzdeckel der Metallsonnenblenden der 18mm und 35mm Festbrennweiten sind unbrauchbar, da sie ständig abfallen.

Und ja, natürlich ist der elektronische Sucher der X-E1 deutlich mickriger als der optische Sucher von der D700. Das war es dann aber auch schon mit der Kritik.

Wichtig zu wissen: Die Reduktion der Kameraoptionen stellt Anforderungen an den Fotografen. Grundsätzlich lässt sich die Fuji in einem Vollautomatikmodus benutzen, aber dafür ist sie nicht wirklich gedacht. Mehr Spaß hast Du mit der Kamera, wenn Dir der Zusammenhang von Blende, Verschlusszeit und ISO geläufig ist. Unsere Großeltern hatten das drauf.

Fazit: Meine Erfahrungen nach einem Jahr sind überwiegend positiv. Die Kamera macht Spaß. Sie trägt nicht so dick auf wie eine (semi-)professionelle DSLR und ist da, wenn ich sie brauche. Die Bildqualität übertrifft die Ergebnisse meiner Nikon D700. Die X-E1 ist außerdem mein persönlicher Leica-Killer: Der Gedanke an die Ikone unter den Kameras ist soweit an den Rand meines Equipment-Radars gerückt, dass er faktisch nicht mehr vorhanden ist. Glück gehabt.

Schaffe ich meine Nikon-Ausrüstung jetzt ab? Nein. Noch nicht. Da ich immer noch Sport fotografiere, brauche ich den schnellen Autofokus mit einem verlässlichen Tracking. Ob Fuji das mit der neuen X-T1 liefern kann, teste ich gerade.

Eine Entscheidung ist aber schon gefallen: Nikon fährt dieses Jahr nicht mit nach Afrika. Aber das wird eine andere Geschichte.

Hier noch ein paar Fotos aus Istanbul:

Uskudar Bus Station, Istanbul

People are waiting for their bus in Istanbul’s Uskudar district.

Bosporus Fishing

Turkish men are fishing at the Bosporus in Istanbul’s Uesküdar district.

1 Antwort
  1. Uwe Möbius says:

    Vielen Dank für den subjektiven Erfahrungsbericht der m.E. doch objektiv ist. Ich habe mich für die X-Pro 1 wegen des optischen Suchers entschieden. Die Kamera liebe ich. Mal sehen, wie sie sich als Reportagekamera auf Events mit wenig Licht schlagen wird. Ob die D3 dann doch noch ausgedient hat, bleibt noch abzuwarten. Ich werde in meinem Blog darüber berichten. VG Uwe

    Antworten

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